Sonnenworte – meine Geschichte für den SOS-Kinderliteraturpreis

Ich hatte Euch ja um Unterstützung gebeten: Ich möchte anlässlich meines 10-jährigen Autorinnen-Jubiläums andere daran teilhaben lassen, dass das Leben es in den vergangenen Jahren so gut mit mir gemeint hat. Deshalb möchte ich SOS-Kinderdörfer weltweit Geld spenden. Ich habe dazu eine Spendenseite eingerichtet:

ttps://www.meine-spendenaktion.de/aktion/erfolgsgeschichten-bartoli10

Jede eingegangene Spende dort werde ich verdoppeln. Unser gemeinsames Ziel: 3000 Euro – also 1500 Euro von Euch und 1500 Euro von mir. Das schaffen wir! Ich freue mich, wenn Ihr mich bei diesem Vorhaben unterstützt!

Als Preisträgerin des SOS-Kinderliteraturpreises habe ich jetzt noch ein kleines Zuckerl für Euch: Hier könnt Ihr noch meine Geschichte „Sonnenworte“ nachlesen, die die Jury von SOS-Kinderdörfer weltweit überzeugte:

Sonnenworte
Petra Bartoli y Eckert

Die Sonne kitzelt Lina an der Nasenspitze. Blinzelnd steht sie im Hinterhof auf dem Spielplatz. Dort ist jede Menge los. Lina hat ihr neues gelbes Rennauto in der Hand. Das hat sie heimlich mit nach unten genommen. Obwohl Mama das nicht gerne sieht. Aber sie kann es ja jetzt auch gar nicht sehen, weil sie oben in der Küche die Einkäufe verstaut.

„Ich geh raus, spielen!“, hatte Lina gerufen und war losgeflitzt. Mama hatte bestimmt genickt. Aber das konnte Lina schon nicht mehr sehen. Da hopste sie nämlich schon die Treppe nach unten. Immer zwei Stufen auf einmal. Das fühlt sich ein bisschen gefährlich an und beim Landen auf der übernächsten Stufe kitzelt es im Bauch.

Nun könnte sie Sandrallye spielen. Das geht mit einem echten Rennauto super. Aber im Sandkasten spielen die Kleinen. Und da hat Lina dann kaum Platz zum Rumfahren. Aber was dann? Lina kratzt sich mit der freien Hand am Kopf.

„Hallo!“, ruft da eine Stimme. Sie kommt aus Richtung Wasserpumpe. Und sie gehört Murat. Lina kennt ihn aus dem Kindergarten. Sie sieht zur Wasserpumpe, dort stehen Murat, Rika und Jonas. Schnell lässt Lina ihr gelbes Auto in der Hosentasche verschwinden. Wenn Murat und die anderen das sehen, wollen sie bestimmt sofort damit spielen. Und das will Lina nicht. Das Auto gehört schließlich ihr. Aber dass Murat sie ruft, findet sie gut. Mit ihm und den anderen zu spielen, ist sicher lustig. Lina hüpft im Zickzack über den Spielplatz zur Wasserstelle.

„Willste pumpen?“, fragt Jonas und geht einen Schritt von der Wasserpumpe weg. Lina nickt. Sie umfasst den Hebel mit beiden Händen.

„Musst aber kräftig drücken. Lass mich lieber. Mädchen haben keine Kraft“, sagt Murat. Er will Lina zur Seite schieben. Aber Lina lässt nicht los. Das wär ja noch schöner! Natürlich hat sie genug Kraft, um Wasser aus der Pumpe zu kriegen.

„Hör auf. Ich bin dran!“, zischt sie Murat an. Wütend packt er Lina an der Schulter.

„Hey, seht euch den an!“, ruft da plötzlich Rika. Murat nimmt seine Hand weg und sieht sich neugierig um. Lina lässt die Pumpe nicht los, obwohl sie auch sehen will, wen Rika entdeckt hat.

„Der hat eine Farbe im Gesicht wie Schokolade!“ Jonas staunt.

„Ein Neger!“, lacht Murat. Lina lässt nun doch los. Sie stemmt die Hände in die Seiten und schreit Murat mitten ins Gesicht: „Das sagt man nicht! Das ist eine Beleidigung! Du kannst höchstens ‚Schwarzer’ sagen.“

„He, du Schwarzer“, kichert Murat und winkt dem Neuen zu.

„Du bist echt plemplem“, murmelt Lina und schüttelt den Kopf.

Sie sieht sich den fremden Jungen genauer an. Er steht am Rand des Spielplatzes. Seine Hände hat er in den Hosentaschen vergraben, und seinen Kopf hat er eingezogen. Beinahe wie eine Schildkröte, findet Lina. Jetzt hebt der Neue ein wenig den Kopf. Lina kann riesige weiße Augen sehen. Er sieht genau in ihre Richtung. Lina guckt zu Murat und den anderen. Die stehen immer noch neben ihr und grinsen. „Pah“, flüstert Lina, hebt ihre Hand und winkt.

„Hallo“, ruft sie. Genau wie ihr Murat vorhin zugerufen hat. Der Junge hebt den Kopf noch ein Stückchen höher. Jetzt ist er keine Schildkröte mehr.

„Was willste denn mit dem?“, fragt Jonas. Lina zuckt mit den Schultern.

„Spielen“, antwortet sie zögernd.

Sie lässt die anderen stehen und geht langsam auf den Jungen zu.

„Wer bist du?“, fragt sie, als sie direkt vor ihm steht. Der Junge zuckt ein bisschen zusammen. Das sieht Lina genau. Bestimmt hat er Angst. Ist ja klar, hätte Lina auch, wenn sie ganz alleine und ganz neu auf einem Spielplatz wäre.

„Ich bin Lina“, sagt sie deshalb besonders freundlich. Aber der Junge antwortet nicht.

„Wie heißt du denn?“, fragt sie wieder. Immer noch keine Antwort.

Plötzlich steht Rika neben ihr „Lass den doch in Ruhe. Der kann ja noch nicht mal sprechen. Baby!“.

„Themba! Themba!“, schreit da jemand. Lina, Rika und der Junge heben gleichzeitig die Köpfe. Auf einem Balkon im vierten Stock steht eine dicke schwarze Frau und winkt. Da nimmt der Junge ganz langsam eine Hand aus der Hosentasche und hebt den Arm.

„Du heißt also Themba“, sagt Lina und nickt. Der Junge zieht die Hand nach unten und steckt sie schnell wieder in die Tasche.

„Ich geh zurück zu Murat und Jonas. Kommst du mit?“, fragt Rika.

Lina schüttelt den Kopf.

„Mit dem kannst du echt nicht spielen“, murmelt Rika und deutet mit dem Kopf zu dem fremden Jungen.

„Der heißt Themba“, presst Lina zwischen den Lippen hervor.

Rika streckt Lina und dem Jungen die Zunge heraus. Dann dreht sie sich um und läuft schnell zu den beiden anderen zurück.

„Ich spiel mit dir. Keine Sorge“, murmelt Lina.

Sie sieht sich um. Der Sandkasten ist leer. Die Kleinen sind bestimmt wieder bei ihren Mamas. Lina tippt Themba auf die Schulter und zeigt auf den Sandkasten.

„Komm mit“, sagt sie bestimmt. Dann geht sie los. Ob der fremde Junge nachkommt? Lina setzt sich auf den Rand des Sandkastens, greift in die Tasche, tastet nach dem Rennauto und zieht es heraus. Ganz vorsichtig setzt sie es in den Sand. Da merkt sie, wie sich jemand neben sie hockt. Lina schiebt das Auto hin und her. Dann dreht sie sich zur Seite. Und da muss sie grinsen. Themba ist wirklich mitgekommen! Sie zwinkert ihm zu und guckt dann schnell wieder zum Auto. Das lässt sie im Kreis fahren. Rundherum. Und noch eine Runde. Im Sand sind die Reifenspuren zu sehen. Lina nimmt das Auto und hält es Themba hin. Aber Themba rührt sich nicht. Da stupst Lina ihn ein wenig mit dem Ellbogen in die Seite. Na also! Themba nimmt das Auto. Er hält es, als könnte es jeden Augenblick kaputt gehen, und setzt es langsam wieder in den Sand. Dann fährt er los. Das Auto rollt vor und zurück. Immer an einer anderen Stelle des Kreises. Jetzt haben Linas Spuren Strahlen bekommen.

„Eine Sonne!“ Lina ist begeistert.

„Ilanga“, sagt Themba. Aber so leise, dass Lina es beinahe überhört hätte.

„Lilaga“, fragt sie verblüfft, „heißt das Sonne?“

Plötzlich fängt Themba an zu lachen und schüttelt den Kopf.

„Ukukhanya“, sagt er zwischen zwei Glucksern.

„Kuckuckalia“, antwortet Lina, „hört sich sehr sonnig an.“

Jetzt zeigt Themba zum Himmel. „Ihlobo“

„Sologo“, sagt Lina und grinst.

Dann fangen beide an zu lachen. Ganz schrecklich laut und lang. Bis sie sich die Bäuche halten müssen, weil die vom Lachen schon ein bisschen weh tun.

Darum merken sie gar nicht, dass Murat, Rika und Jonas zu ihnen herüberkommen.

„Was sprecht ihr denn da für einen Unsinn?“, fragt Jonas und runzelt die Stirn.

„Wir sprechen über die Sonne. Aber das verstehst du wohl nicht“, antwortet Lina.

Sie sieht Themba an und grinst. Themba grinst zurück.

„Schöne Sonnenworte“, murmelt Rika. Dabei wird sie ein bisschen rot.

Themba sieht sie freundlich an.

„Können wir mitspielen?“, fragt Murat zögernd.

Lina zieht ihre Augenbrauen hoch und guckt zu Themba. Er grinst schon wieder.

„Na gut“, sagt Lina gnädig. Dann gibt sie Themba mit ihrem Po einen kleinen Schubs. Damit er den anderen etwas Platz macht. Und Themba versteht sofort.